S5 auf S7 Migration: Was Sie wissen müssen

8 Min. Lesezeit·Sync Motion GmbH
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Von Sync Motion — Industriesoftware und OT/IT-Integration aus Österreich. Wir modernisieren Bestandsanlagen in der produzierenden Industrie weltweit: SPS-Migration, HMI-Erneuerung, Dokumentation von undokumentierten Systemen.


Die SIMATIC S5 ist eine der langlebigsten SPS-Familien, die Siemens je gebaut hat. 1979 eingeführt, läuft sie in vielen Betrieben bis heute zuverlässig. Dieser Artikel beschreibt, was technisch und organisatorisch anfällt, wenn man sich für eine Siemens S5 Ablösung entscheidet — und worauf man dabei achten sollte.

Wo die S5 heute steht

Siemens hat den SIMATIC S5 Lifecycle am 1. Oktober 2020 beendet. Der offizielle Status ist P.M500 — End of Lifecycle. Das bedeutet: keine Ersatzteile von Siemens, keine Reparaturen, kein technischer Support. S5 Ersatzteile sind über Dritthändler weiterhin erhältlich, allerdings mit eingeschränkter Auswahl und steigenden Preisen.

Parallel dazu wird das Know-how rund um STEP 5 seltener. Neue Techniker und Programmierer lernen an der S7-1500 und im TIA Portal. Wer heute STEP 5 beherrscht, hat das vor 20 oder 30 Jahren gelernt. Das ist kein Problem, solange diese Kollegen verfügbar sind — aber es ist ein Faktor, den man bei der Planung berücksichtigen sollte.

Die S7-300 hat übrigens seit Oktober 2025 den Status P.M410 (Abkündigung) erreicht — sie kann nicht mehr neu bestellt werden. Wer heute eine SPS Migration plant, sollte direkt auf die S7-1500 mit TIA Portal setzen.

Was alles migriert wird

Der häufigste Denkfehler: SPS Migration heißt CPU tauschen. In der Praxis umfasst eine S5 auf S7 Migration mehrere Bereiche.

Das Anwenderprogramm — geschrieben in AWL, FUP oder KOP, meistens über Jahre gewachsen und angepasst. Die HMI-Anbindung — Bedienterminals (oft OP/TP der x70-Generation, ebenfalls abgekündigt), deren Bilder, Variablen und Kommunikationstreiber. Die Kommunikationsschnittstellen — seriell, PROFIBUS oder proprietär — zu Frequenzumrichtern, Waagen, Wägezellen, übergeordneten Leitsystemen. Und die Dokumentation, die den aktuellen Zustand der Anlage beschreibt.

All das gehört zum Umfang einer Migration. Es ist sinnvoll, das früh im Projekt vollständig zu erfassen.

Was bei der Code-Konvertierung passiert

Siemens liefert mit STEP 7 ein Konvertierungstool. Es liest S5-Programme (.S5D-Dateien) ein, erzeugt .AWL-Quelldateien für STEP 7 und schlägt I/O-Adresszuordnungen vor. In der Praxis konvertiert das Tool etwa 80% des Codes sauber. Beim Rest entstehen Kompilierfehler, die manuell behoben werden müssen.

Die Gründe sind technischer Natur: STEP 5 und STEP 7 basieren auf unterschiedlichen Architekturen. S5 adressiert byteweise, S7 bitweise. Organisationsbausteine haben andere Nummern und Aufrufbedingungen. Kommunikationsbausteine der S5 (AG-SEND/AG-RECV, SINEC-Kopplungen) existieren in S7 nicht — die Äquivalente sind TSEND_C/TRCV_C oder PUT/GET über PROFINET. Startup-OBs (OB21/OB22 in S5), Synchronbausteine und Kommunikations-FBs müssen neu geschrieben werden.

Bei einer S7-1500 Migration kommt dazu: TIA Portal arbeitet vollständig symbolisch statt absolut adressiert. Datenbausteine können 10 MB statt 64 KB groß sein. Optimierte Bausteine (Standard in S7-1500) verhalten sich bei der Adressierung anders als nicht-optimierte. Das ist kein Hindernis, aber es ist mehr Arbeit als ein reines Copy-Paste. Eine S7-1500 Migration ist im Kern ein Neubau der Software auf Basis der bestehenden Logik.

Drei gängige Strategien

Komplettumstellung. Anlage steht, alles wird auf einmal getauscht. Funktioniert gut bei überschaubaren Maschinen mit klarer Dokumentation. Typische Stillstandzeit: ein verlängertes Wochenende. Vorteil: sauberer Schnitt, kein Parallelbetrieb. Nachteil: wenig Spielraum, wenn etwas länger dauert als geplant.

Phasenweise Migration. Erst die CPU, die S5-Peripherie bleibt über Adapter oder PROFIBUS-Kopplungen angebunden. Siemens bietet dafür das Interface-Modul IM 463-2 (für S7-400) und I/O-Adapter für S7-1500, mit denen vorhandene S5-Frontstecker direkt auf neue Baugruppen passen. Die Feldverdrahtung bleibt unverändert. In späteren Phasen werden E/A-Module nachgezogen. Weniger Stillstand pro Schritt, aber längerer Gesamtzeitraum und komplexerer Parallelbetrieb.

Parallelbetrieb. S5 und S7 laufen gleichzeitig, Anlagenteile werden einzeln umgestellt. Braucht Kommunikationsbrücken zwischen den Systemen (typisch: Datenaustausch über PROFIBUS oder Industrial Ethernet) und Programmierer, die in beiden Welten arbeiten können. Bei kritischen Prozessen oft die bevorzugte Variante.

Dokumentation: Der Punkt, der oft unterschätzt wird

Ein Erfahrungswert aus der Praxis: Die meisten S5-Anlagen haben keine vollständige, aktuelle Dokumentation. Schaltpläne, die seit dem letzten Umbau nicht aktualisiert wurden. Programme ohne Kommentare oder Symboltabelle. Teilweise kein aktuelles Backup des Anwenderprogramms.

Vor der eigentlichen Migration steht deshalb die Bestandsaufnahme: Programm aus der CPU auslesen (dafür braucht man STEP 5 und ein PG mit passendem Adapter), Signale durchgehen, E/A-Belegung dokumentieren, Kommunikationsverbindungen nachvollziehen. Bei einer typischen S5-115U oder S5-135U mit gewachsenem Programm sind 2 bis 5 Arbeitstage für diesen Schritt realistisch.

Das ist keine Zusatzarbeit, sondern die Grundlage für alles Weitere. Je sauberer die Bestandsaufnahme, desto vorhersagbarer der Rest des Projekts.

Was die Kosten beeinflusst

Konkrete Preise ohne Anlagenkenntnis zu nennen, wäre unseriös. Aber die Kostentreiber lassen sich klar benennen.

Aufwändiger wird es bei: fehlender Dokumentation, vielen Kommunikationsschnittstellen (jede Verbindung muss verstanden und neu aufgebaut werden), Sonderlösungen im S5-Programm, alten Bedienterminals die komplett neu erstellt werden müssen, und vielen dezentralen Stationen. Auch die TIA Portal Lizenz (STEP 7 Professional) ist ein eigener Posten.

Einfacher wird es bei: vorhandener Doku, überschaubarem Programm, Standardperipherie, und wenn Feldverdrahtung und PROFIBUS-Teilnehmer übernommen werden können.

Stillstandzeit planen

Die Softwareentwicklung und Tests finden im Vorfeld statt. Siemens bietet mit PLCSIM (Teil des TIA Portal) einen Simulator, der das S7-Programm am Entwicklungsrechner ausführt. Damit lässt sich ein Großteil der Logik vorab validieren.

Bei kritischen Anlagen ist die Wochenendumstellung üblich: Freitag nach Schichtende anfangen, Sonntag Abnahme. Das setzt gute Vorbereitung voraus — Material vor Ort, klarer Ablaufplan, und ein Rückfallszenario für den Fall, dass die Umstellung mehr Zeit braucht als geplant.

Bei phasenweiser Umstellung läuft die Produktion größtenteils weiter. Der Gesamtzeitraum ist länger, die Auswirkung auf den laufenden Betrieb aber deutlich geringer.

Häufige Stolpersteine

Ein paar Punkte, die bei S5 auf S7 Migrationen immer wieder auffallen: Der Programmumfang wird unterschätzt, weil die Anlage von außen einfach aussieht. HMI-Abhängigkeiten werden erst spät bemerkt — das Bedienterminal gehört zur Migration dazu. Kommunikationsschnittstellen zu Frequenzumrichtern oder Leitsystemen werden nicht rechtzeitig getestet. Und ein Rückbauplan fehlt, obwohl er bei jeder Umstellung zur Grundausstattung gehören sollte.

Was bleiben kann

Nicht alles muss getauscht werden. Feldverdrahtung, Sensoren (4–20 mA, Pt100, Inkrementalgeber), Aktoren, Schütze — all das ist unabhängig von der Steuerung und kann in der Regel weiter verwendet werden. Siemens bietet I/O-Adapter, mit denen vorhandene S5-Frontstecker direkt auf neue S7-Baugruppen gesteckt werden. Die Verkabelung bleibt unverändert.

Auch PROFIBUS-Teilnehmer — Umrichter, dezentrale Peripherie, Ventilinseln — können oft beibehalten werden, wenn die neue S7-CPU als DP-Master konfiguriert wird. Was funktioniert, muss nicht ersetzt werden.

Nächste Schritte

Jede Anlage hat ihre eigene Geschichte — Umbauten, Anpassungen, Sonderlösungen. Eine pauschale Einschätzung hilft da wenig.

Sync Motion bietet eine kostenlose Erstbewertung Ihrer S5-Anlage an. Ein technisches Gespräch darüber, was bei Ihnen konkret ansteht und welcher Weg sinnvoll wäre.

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